Andreas Hofbauer:
[0:02] Stellt euch vor, ihr liegt im Dreck. Es ist der 16. Juli 2024, mitten in der Nacht. Der Schwarzwald zeigt sich von seiner hässlichsten Seite. Es schüttelt wie aus Kübeln. Irgendwo da draußen, im Matsch bei Herrenbies, liegt eine Schlinge. Eine sogenannte Softcatch-Falle. Gepolstert. Sie wartet auf ihn, den Wolf. Seit Monaten versuchen sie ihn zu kriegen. Experten-Teams. Zwei Jahre Vorbereitung hatten sie dafür. Sie haben Kameras aufgestellt. Sie haben Lockstoffe versprüht. Sie frieren. Und dann passiert es.
Andreas Hofbauer:
[0:54] Er tritt rein. Sie haben ihn. Endlich. Der Plan besagt, betäuben, Sender um den Hals, wieder Fall lassen. Ihn so sehr erschrecken, dass er nie wieder einem Menschen zu nahe kommt. Es ist der perfekte Plan. Eigentlich. Der Regen hat den Boden aufgeweicht. Der Erdanker, der die Falle im Boden hält, hat keinen Halt mehr. Der Wolf zieht und zieht und der Anker huscht aus dem Dreck. Als die Experten kommen, ist dort, wo die Falle aufgebaut war, nur noch gähmende Leere. Der Wolf ist weg. Mit der Falle am Ballen. Er hat sich befreit. Nach 150 Metern hat er die Falle abgestreift. Und er hat etwas gelernt.
Andreas Hofbauer:
[1:49] Trete nie wieder in so ein Ding.
Andreas Hofbauer:
[1:58] Große Chance, ihn Leben zu fangen. Vielleicht die letzte. Die Falle hat nicht funktioniert. Jetzt reden wir über Blei. Willkommen zu Der Wolf. Schützen oder töten. Mein Name ist Andreas Hofbauer und ich bin Audio- und Videoredakteur bei den Badischen Neuesten Nachrichten. Das hier ist Folge 3. 2.400 Arbeitsstunden Lasst euch das mal auf der Zunge zergehen. 2.400 Stunden haben Menschen im Wald verbracht, um diesem Wolf, den Hornesgrinde-Wolf, einen Sende umzuhängen. Das sind etwa 300 Arbeitstage und auf ein Arbeitsjahr gerechnet sind das eineinhalb Jahre. Das Ergebnis? Ein Fehlschlag. Der Wolf läuft immer noch ohne Sender rum. Deswegen müssen wir reden über das Scheitern.
Andreas Hofbauer:
[2:59] Warum kriegen wir diesen Wolf nicht? Wir fliegen zum Mond, aber wir schaffen es nicht im Schwarzwald, einen Vorfahren des besten Freundes Menschen zu fangen? Wir haben uns das erklären lassen, von jemandem, der ganz nah dran ist. Eine Vertretung des Naturschutzbundes, kurz NABU, aus Baden-Württemberg. Und selbst sie sagt, es ist verdammt kompliziert.
NABU:
[3:25] Es ist auch nicht ganz so einfach bei einem Wolf. Man hat verschiedene Möglichkeiten, das Tier einzufangen. Es war wohl so, dass einmal ein Versuch geklappt hat. Da ist tatsächlich der Wolf in die Falle gekommen. Leider, leider hat er sich wieder befreien können und ist dann natürlich auch gegenüber sehr misstrauisch gewesen.
Andreas Hofbauer:
[3:45] Das war Alexandra Ickes. Sie ist Referentin für Artenschutz vom Naturschutzbund Baden-Württemberg. Auch sie bedauert den Fehlschlag von vor rund eineinhalb Jahren sehr, weil der Wolf daraus gelernt zu haben scheint. Deswegen soll er erschreckt werden.
NABU:
[4:00] Das kann anfangen durch lauter Schreien bis hin zu Paintball geschossen, damit das Tier einfach merkt, okay, der Mensch, das ist keine positive Verknüpfung, das ist eher eine negative Verknüpfung. Deswegen gehe ich Menschen generell eher aus dem Weg.
Andreas Hofbauer:
[4:16] Aber dafür müsste man ihn erstmal fangen. Und der Horneskirne-Wolf hat darauf so gar keine Lust. Aber warum überhaupt fangen? Ist der Wolf gefährlich, eine Bedrohung? Ähnlich wie der große, böse Wolf aus den Märchen?
Andreas Hofbauer:
[4:33] Bei Alexandra Ickes klingt das ganz anders.
NABU:
[4:36] Und wir haben tatsächlich in diesem aktuellen Fall es so, dass das Tier nicht aggressiv ist. Er nähert sich den Menschen eher aus Neugier, nicht aus Aggressivität.
Andreas Hofbauer:
[4:48] Er ist neugierig, wie ein junger Hund. Aber das macht ihn auch unberechenbar. Neugier führt zu Nähe. Und Nähe kann zu Dummheiten führen. Auf beiden Seiten. Alexandra Ickes warnt, was passiert, wenn diese Neugier unterstützt wird.
NABU:
[5:06] Und auch jegliche Versuche Richtung, ich möchte das Tier streicheln oder anfüttern, sind wirklich dringend zu unterlassen.
Andreas Hofbauer:
[5:12] Es schadet ihm, weil er so immer zutraulicher und übermütiger wird.
Andreas Hofbauer:
[5:17] Und wenn ein Wolf zutraulich oder übermütig wird, wird er auch gefährlich. Nicht, weil er wirklich böse wäre, sondern weil er einfach keine Angst mehr vor den Menschen hat. Die Stimmung ist aufgeheizt. Die einen Menschen schreien Mörder, andere Menschen schreien Schieß ihn ab. Und dazwischen steht der NABU, der Naturschutzbund. Eigentlich müssten die doch auf die Barrikaden gehen, oder?
NABU:
[5:44] Das ist natürlich für Baden-Württemberg wirklich sehr, sehr bitter. Dennoch können wir die Entscheidung nachvollziehen. Wir haben sie fachlich und juristisch geprüft und sahen dort auch keinen Grund, in die Klage zu gehen. Dennoch, sie ist sehr bitter für Baden-Württemberg und natürlich auch für das Tier.
Andreas Hofbauer:
[6:01] Sie klagen nicht. Sie lassen es geschehen. Sie sehen keine andere Wahl mehr. Auch rechtlich scheint alles klar. Der Managementplan hat eine eindeutige Regelung.
Andreas Hofbauer:
[6:13] Aber halt, stopp. Es gibt doch noch eine Option, oder? Das sagen zumindest die Leute auf den Demos. Sperrt ihn doch weg, bringt ihn in einen Park. Quasi lebenslänglich statt Todesstrafe. Das muss doch humaner sein.
NABU:
[6:29] Zudem muss man wissen, dass das Tier es ja gewohnt ist, ein riesiges Territorium zu haben. Und dieses Tier hätte diesen großen, großen Drang, auch immer wieder auszubrechen, weil es ja eben weiß, dass es eine Welt hinter diesen Gitterstäben gibt. Man kann aus Tierschutz sich tatsächlich auch argumentieren, dass es für das Wohl des Tieres, um eben erhebliche Leiden zu vermeiden, besser ist, abgeschossen zu werden, als lebenslang dann in Gefangenschaft zu leben.
Andreas Hofbauer:
[6:57] Das wollen wir genauer wissen. Wir fahren in den Schwarzwald, zu dem Ort, der für viele wütende Bürger auf den Demos die perfekte Lösung zu sein scheint. Der alternative Wolf- und Bärenpark. Hier finden Tiere aus Zirkussen, Zoos und privater Haltung ein neues Zuhause. Wir treffen den Projektleiter Raoul Schwarze. Ein Typ, der eigentlich Bauingenieur war und dem das Tierwohl mehr am Herzen liegt, als der Wirtschaft zu dienen. Er steht hier jeden Tag. Und sein Telefon steht aktuell nicht mehr still.
Raoul Schwarze:
[7:32] Wir haben natürlich ganz viele Anfragen, die fragen, was man machen kann. Und hat auch viele Anfragen, ob wir den Wolf aufnehmen.
Andreas Hofbauer:
[7:36] Schwarze blockt das aber ab. Jedes Mal ein klares Nein. Warum?
Raoul Schwarze:
[7:41] Also der kommt aus der Freiheit, wird in ein kleines, auch wenn unsere Anlagen groß sind und großzügig sind, ist es trotzdem im Vergleich zu seinem vorigen Revier winzig. Und das bedeutet im Grunde, er würde in kurzer Zeit auch sehr stark verhaltensauffällig werden.
Andreas Hofbauer:
[8:00] Schwarze wird da sehr deutlich. Die Romantik hört am Zaun auf.
Raoul Schwarze:
[8:05] Wir versuchen ja hier Tierschutz zu betreiben und das ist aber Tierqual. Das muss man einfach klar und deutlich sagen, wenn man ein Tier einsperrt. Also jedes Einsperren eines Wildtiers ist Tierkülterei. Wir vergleichen das immer so ein bisschen, wenn man uns als Menschen von jetzt auf gleich nehmen würde, in den Ballzimmer einsperren würde, Tür zumachen würde, einmal am Tag kommt Futter rein, wir wissen gar nicht warum. Da würde auch jeder Mensch verrückt werden. Und das gleiche Prinzip gilt auch für die Wildtiere auch.
Andreas Hofbauer:
[8:30] Wahnsinnig werden. Schwarze sieht das jeden Tag. Er hat Bären im Park, die nach 17 Jahren Wildnis eingesperrt wurden. Und den ganzen Tag Stereotyp im Kreisrennen.
Andreas Hofbauer:
[8:42] Die keine Winterruhe mehr halten, weil sie unter der Gefangenschaft leiden. Aber warum sind wir überhaupt an diesem Punkt? Warum steht ein ehemals scheuer Wolf plötzlich auf der Abschussliste? Für Schwarze liegt das Problem nicht beim Wolf. Es liegt an uns.
Raoul Schwarze:
[8:59] Was dann falsch gelaufen ist oder was dann immer mehr zu Problemen geführt hat, ist natürlich so ein genannter Wolfspyrismus. Jeder möchte einen Wolf sehen und ein Foto machen. Das zieht natürlich Leute an. Und da fängt dann so der Teufelskreis an. Je mehr Leute natürlich hinfahren, sich einem Wolf selber nähern, ihn anlocken vielleicht sogar, im bestimmten Fall sogar anfüttern, desto mehr verliert natürlich auch ein Wolf die natürliche Scheu.
Andreas Hofbauer:
[9:26] Ein Wolf ist nicht nur schlau, sondern auch pragmatisch.
Raoul Schwarze:
[9:29] Wenn er nicht auf Jagd gehen muss, dann spart er Energie, weil er was bei den Menschen findet.
Andreas Hofbauer:
[9:33] Wir klemmen uns ans Telefon. Wir wollen wissen, wie konnte das so eskalieren? Am anderen Ende ist Sabine Sebald. Sie ist Journalistin und produziert ehrenamtlich den Wolfs-Podcast. Sie hat genau beobachtet, wie die anfängliche Unsicherheit in der Region plötzlich ins Gegenteil umgeschlagen ist.
Sabine Sebald:
[9:52] Das, was vorher da war im Nordschwarzwald, das ist erstmal das, was ich nicht kenne, da habe ich Angst vor. Und das ist dann gekippt in eine überschwängliche Faszination und Neugier.
Andreas Hofbauer:
[10:04] Die Angst verschwindet, der Leichtsinn übernimmt. Man sucht gezielt die Nähe. Und was passiert, wenn man ein Wildtier für das perfekte Foto zur Attraktion macht, ist brandgefährlich.
Sabine Sebald:
[10:16] Was daraus resultieren kann, haben wir ja im letzten Spätsommer gesehen in den Niederlanden mit dem Wolf Brahm. Der war über Jahre im Prinzip eine Touristenattraktion. Da waren jeden Tag Fotografinnen und Fotografen und haben versucht, diesen Wolf irgendwie möglichst gut in Szene zu setzen mit Futter und allem, was dazugehört. Das ist natürlich der Anfang aller Probleme.
Andreas Hofbauer:
[10:39] Deswegen gleich ein Abschuss? Auch Schwarzer hält die Forderung nach dem Abschuss für komplett verfrüht. Er sagt, die Politik habe ihre Hausaufgaben nicht gemacht.
Raoul Schwarze:
[10:50] Was auch einfach noch nicht ausreichend passiert ist, ist natürlich eine Vergrämung. Also Vergrämung bedeutet... Gib dem Wolf zu verstehen, der Mensch ist böse, der fügt ihr Schmerzen zu und somit lernt der Wolf wieder quasi seine natürliche Scheu.
Andreas Hofbauer:
[11:04] Aber so eine Vergrämung ist teuer. Sie dauert Wochen und man braucht echte Profis dafür. Und überhaupt hat es ja schon mehrere Vergrämungsversuche mit viel Vorbereitung gegeben. Zudem bräuchte es Ranger, die patrouillieren und die Touristen stoppen, die den Wolf anfüttern. Aber das passiert nicht. Stattdessen macht man es sich einfach.
Raoul Schwarze:
[11:27] Es ist eine politische Entscheidung. Man muss halt einfach klar sagen, dass diese Entscheidung der Landesregierung verfrüht war und falsch einfach ist. Selbst wenn man sagt, okay man hat ein Problem, man führt dem nicht her, Ich habe schon mal gesagt, wir sind einen Anruf entfernt. Man kann uns anrufen, man kann zu uns kommen, man kann Kontakt mit uns aufnehmen. Wir sind immer da, sieben Tage die Woche.
Andreas Hofbauer:
[11:49] Das ist aber nie passiert. Die Landesregierung hat sich nicht einmal bei den Expertinnen und Experten des Wolf- und Bärenparks gemeldet. Und genau das macht viele in der Region wütend. Sabine Siebert sieht das Komplettversagen ebenfalls bei den Behörden.
Sabine Sebald:
[12:05] Man hätte spätestens in dem Moment, als man gemerkt hat, dass da Sichtungen sind, Hätte man sagen müssen, okay, wir müssen da ran, wir können da nicht zugucken. Das Umweltministerium in Stuttgart, was jetzt für den Abschuss des Wolfes sorgen will, und zwar relativ schnell und auch, sag ich mal, sehr vehement, die hätten doch mit der gleichen Vehemenz und mit der gleichen Entschlossenheit vor zwei Jahren sagen können, da kommt ein Problem auf uns zu.
Andreas Hofbauer:
[12:31] Statt zu handeln, habe man nur zugeschaut, bis es zu spät war.
Sabine Sebald:
[12:36] Da sind so viele Jahre ins Land gegangen, wo man hätte einfach mal die Leute auf Spur bringen können, wo man auch hätte versuchen können, den Wolf auch schon mit kleineren Maßnahmen zu vergrämen, immer mal wieder. Man hat zugeschaut, dass die Sichtungen immer mehr wurden, dass die Abstände zum Wolf immer geringer wurden und hat trotzdem nicht eingegriffen, hat die Leute da machen lassen.
Andreas Hofbauer:
[12:58] Dazu wollten wir das Umweltministerium Baden-Württemberg natürlich auch befragen. Auf unsere Anfrage haben wir aber bislang keine Antwort erhalten. Sollte sich das ändern, werden wir die Antwort selbstverständlich nachreichen.
Raoul Schwarze:
[13:11] Und wenn man das nicht macht oder das, ja, obwohl wir bekannt sind, das bewusst nicht möchte, aus politischen Gründen einen Wolf schießt, dann ist das einfach für uns eine Sache, die wir einfach nicht verstehen können und die wir auch nicht akzeptieren können.
Andreas Hofbauer:
[13:25] Er wundert sich, warum der Wolf, der bisher keinen Menschen angegriffen hat, ein so großes Problem darstellen soll.
Raoul Schwarze:
[13:32] Nur in Deutschland wird plötzlich Panik geschoben und das ist schon irgendwie verrückt. Und man muss einfach sagen, der Wolf hat einen schlechten Ruf seit den Märchen und er wird immer als böse dargestellt. Das fängt halt wirklich bei Grims Märchen so gefühlt an, der Rotkäppchen, der böse Wolf. Das fällt sich in den Kinderköpfen schon fest.
Andreas Hofbauer:
[13:53] Stimmt das wirklich? Hat der Wolf einfach nur einen schlechten Ruf und muss
Andreas Hofbauer:
[13:57] deshalb mit einem Abschuss rechnen? Dieser Frage gehen wir in einer der nächsten Folgen nach. Wir haben es selbstverständlich auch nochmal bei Schwarze Nacht gefragt, wenn alle nicht tödlichen Alternativen ausgeschöpft wären.
Andreas Hofbauer:
[14:09] Wäre eine Aufnahme dann vielleicht doch als Ultima Ratio besser als ein Abschuss?
Raoul Schwarze:
[14:14] Da muss man über den Abschuss diskutieren, ganz klar. Weil, wie ich gesagt habe, die Aufnahme macht die Situation nicht besser.
Andreas Hofbauer:
[14:40] Der Wolf – Schützen oder Töten ist eine Produktion der badischen neuesten Nachrichten.