Andreas Hofbauer:
[0:00] Für den Hornes-Grinde-Wolf ist der 16. Februar ein Schicksalstag.
Andreas Hofbauer:
[0:05] Seit jenem Montag darf er bejagt werden. Und das, weil er im touristisch geprägten Nordschpatzwald dem Menschen zu nahe gekommen ist, sich an ihn gewöhnt hat. Zugegeben, dem Wolf seine Freiheit zu gewähren ist im Südwesten schon eine Herausforderung. Der Schwarzwald ist durchzogen von Straßen, Siedlungen und Wanderwegen. Kaum vorstellbar, wie es da wäre, wenn ein Wolfspaar oder gleich ein ganzes Rudel auf dem Weg in den Schwarzwald finden sollte. Dabei hat es das schon gegeben. Vor wenigen Jahren am Schluchsee.
Micha Herdtfelder:
[0:39] Ja, wir hatten seit längerer Zeit schon einen männlichen Wolf dort nachgewiesen über mehrere Jahre, der am Schluchsee gelebt hat und da auch jetzt noch lebt. Und dann ist es im Januar 2023 im Münstertal, also südlich von Freiburg, zu einem Nutztierriss gekommen, an dem wir eben einen weiblichen Wolf in der DNA nachweisen konnten. Kurze Zeit später, im Februar 2023, gab es dann ein Fotofallenbild von zwei Wölfen eben oben in diesem Bereich, wo der Schluchsee-Rüde lebt. Und da war uns damals schon relativ klar, dass es jetzt hier zu einer Verpaarung kommen könnte. Das hat sich dann auch bestätigt. Wir haben dann eben ein Fotofallenbild von diesen beiden Tieren gehabt und dann im August 2023 haben wir dann auch Nachweise gehabt von Jungtieren dort oben, beziehungsweise von einem Jungtier, ein Welpe, der dort auf Fotofallenbildern dann zu sehen war.
Andreas Hofbauer:
[1:34] Das sagt Micha Herdfelder von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt
Andreas Hofbauer:
[1:39] Baden-Württemberg, kurz FVA. Dort beobachtet er die Entwicklung von Wölfen im Südwesten ganz genau. Das Rudel am Schluchsee hat er ganz besonders beobachtet und auch sein tragisches Ende.
Micha Herdtfelder:
[1:54] Dieses eine Jungtier ist dann aber im Dezember 2023 überfahren worden. Und kurze Zeit später, im April 2024, ist dann auch das weibliche Tier überfahren worden. Und das ist bei Wölfen in unseren Breiten auch die häufigste Todessache. In Straßen sind eben für die Wölfe immer wieder ein Problem.
Andreas Hofbauer:
[2:14] Entsprechend besonders ist es, wenn dann tatsächlich mal ein Wolfsrudel entsteht. Für Michael Herdfelder ist das trotzdem noch kein Grund, den Sekt kaltzustellen. Denn ein Rudel kann auch schnell wieder zerfallen.
Micha Herdtfelder:
[2:27] Wenn es dann passiert, ist es natürlich schon erstmal ein besonderes Ereignis. Aber wir sind da auch relativ nüchtern, weil gerade was ja dieses Beispiel gezeigt hat, kann sich sowas auch sehr schnell wieder verändern. Es gibt Verkehrsinfälle, es gibt Krankheiten, an denen Wölfe sterben. Der junge Wolf zum Beispiel, der überfahren wurde, der hatte auch Reude. Das heißt, das ist eine Erkrankung, an der viele junge Wölfe auch sterben können. Der hatte das ganz gut überlebt. Das war schon am Ausheilen, aber dann war es letztlich die Straße. Und das sind so Dinge, die wir einfach im alltäglichen Monitoring erleben und von dem her da recht nüchtern drauf gucken.
Andreas Hofbauer:
[3:02] Ortswechsel in den Nordschwarzwald. Das Murktal trennt die Territorien zweier sesshafter Wölfe. Den Hornesgrinde-Wolf und den Ensthal-Wolf. Doch das könnte sich jetzt geändert haben.
Micha Herdtfelder:
[3:15] Auf diesem Gebiet haben wir eben am 11. Dezember ein Fotofallenbild dann gemeldet bekommen und da waren eben zwei Wölfe darauf zu sehen. Und da war dann für uns schon mal sehr wahrscheinlich, dass sich dort eben ein weiblicher Wolf diesem Männchen angeschlossen hat. Aber sicher sagen konnten wir das eben noch nicht.
Andreas Hofbauer:
[3:37] Einige genetische Tests später steht jetzt aber fest, es gibt einen zweiten Wolf in der Gegend.
Micha Herdtfelder:
[3:43] Seit Januar haben wir eigentlich immer wieder Nachweise von dieser Wölfin in dem Gebiet über Genetik, sodass wir jetzt sicher wissen, da lebt eine Wölfin und wir gehen sehr fest davon aus, dass sie sich eben mit diesem Enztalwolf zusammengeschlossen hat, auch wenn wir bisher noch keine gemeinsame Genetik zum Beispiel an einer Spur festgestellt haben oder an einem Riss. Aber das ist alles sehr wahrscheinlich.
Andreas Hofbauer:
[4:08] Kann es auf absehbare Zeit also tatsächlich wieder einen Rudel im Schwarzwald geben?
Andreas Hofbauer:
[4:14] Wolfsexperte Michael Hertfelder ist vorsichtig optimistisch.
Micha Herdtfelder:
[4:17] Ja, bei Wölfen ist es tatsächlich so, dass wenn sich ein männlicher und ein weiblicher Wolf zusammengetan haben, um ein Rudel zu gründen, dass die dann in aller Regel ihr Leben lang zusammenbleiben. Außer es kommt eben durch Krankheit oder andere Vorfälle zum Tod eines Tieres. Sonst bleiben die eigentlich ihr Leben lang zusammen. Und wir vermuten auch, dass es in diesem Frühjahr schon Jungtiere geben wird. Das Weibchen müsste schon geschlechtsreif sein. Wir können nicht genau das Geburtsjahr benennen, aber wir vermuten, dass das Tier eben jetzt schon im zweiten Lebensjahr ist und dann ist es definitiv schon geschlechtsreif.
Andreas Hofbauer:
[4:51] Eine Rudelbildung wäre hochbrisant. Denn schon der einzelne Murgteilwolf ist für viele Risse bei Nutztieren verantwortlich und macht unter anderem Schäfern vor Ort große Sorgen.
Micha Herdtfelder:
[5:03] Nutztierhalte, die dort Schafe oder Ziegen vor allem haben, die sind aktuell auch schon auf der Hut, weil eben dieser Enzteilwolf immer wieder auch Tiere angreift. Das heißt, da ist Herdenschutz sehr wichtig. Und ob dann da ein Rudel lebt oder ein einzelner Wolf, das ist nicht so entscheidend dafür, wie viel Schäden es gibt, sondern entscheidend ist eigentlich, wie der Herdenschutz dort umgesetzt werden kann.
Andreas Hofbauer:
[5:26] Eine Veränderung wäre trotzdem zu erwarten. Die Jungtiere, die das Rudel hervorbringen würde, werden erwachsen und wandern ab, um selbst ein Rudel zu gründen. Wie weit sie dafür wandern, ist schwer zu sagen.
Micha Herdtfelder:
[5:40] Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie in näherer Umgebung sich niederlassen, größer als dass sie weit wandern. Aber es gibt eben durchaus auch Wölfe, die mehrere Hundert oder auch Tausende von Kilometern wandern, bevor sie eben sich niederlassen. Es ist also schwer vorherzusagen, aber wir haben natürlich in Baden-Württemberg auch in anderen Stellen territoriale einzelne Wölfe, die dort längere Zeit schon leben, sei es eben im Südschwarzwald, auf der Bar oder im Nordschwarzwald. Und wenn jetzt eben weibliche Jungtiere aus dem Bereich Enstal abwandern, dann ist die Wahrscheinlichkeit natürlich schon da, dass sie sich auch einem
Micha Herdtfelder:
[6:15] dieser Wölfe anschließen.
Andreas Hofbauer:
[6:16] Bei allem Risiko, das ein entstehendes Wolfsrudel im Nordschwarzwald mit sich bringt, sieht der Experte auch Chancen.
Micha Herdtfelder:
[6:23] Sagen wir so, aus der Sicht der Ökologie und der Räuber-Beute-Beziehung, gehören natürlich Wölfe als Beutegreifer und potenzielle Beutetiere, wie zum Beispiel Rehe oder Hirsche, zusammen in einen Lebensraum. Die sind gemeinsam in der Evolution entstanden. Und das ist ganz normal für die Tiere, dass sie im Kontakt miteinander sind. Da ist der Wolf genauso wie der Luchs ein natürlicher Faktor für ein funktionales Ökosystem. Natürlich sind die Probleme, was die Weidetierhaltung angeht, beim Wolf vorhanden, weswegen wirklich der Herdenschutz da ganz zentral ist.
Andreas Hofbauer:
[7:05] Was die Aggressivität angeht, gerade gegenüber Weidetieren, gibt es keinen Standard.
Micha Herdtfelder:
[7:11] Letztlich ist jedes Rudel wirklich sehr individuell zu betrachten. Es gibt Rudel, die in Gebieten mit vielen Nutztieren leben und die keinerlei Schäden anrichten. Und es gibt einzelne Rudel, die für sehr viele Schäden verantwortlich sind. Und von dem her muss man dann letztlich schauen, wie sich jedes Rudel auch entwickelt.
Micha Herdtfelder:
[7:30] Und ich glaube, davon hängt dann sehr stark die Akzeptanz auch für die einzelnen Rudel ab.
Andreas Hofbauer:
[7:34] Muss Baden-Württemberg lernen, nicht nur mit Einzeltieren, sondern auch mit ganzen Wolfsrudeln umzugehen? Es deutet vieles darauf hin. Das ist in der Vergangenheit auch in anderen Bundesländern der Fall gewesen.
Micha Herdtfelder:
[7:47] Wenn man dann irgendwann den Umgang damit gelernt hat als Gesellschaft, dann kann man damit ganz anders und sehr unaufgeregter umgehen. Vorausgesetzt, es passieren eben nicht so viele Schäden und der Herdenschutz funktioniert. Und da sehen wir schon, dass Baden-Württemberg da sehr wahrscheinlich die gleiche Entwicklung durchmacht wie andere Bundesländer auch. Und sehr wichtig ist zu Beginn dieser Phase auch wirklich intensiv aufzuklären, den Tierhaltenden auch entsprechend die Möglichkeit zu geben, den Herdenschutz umzusetzen, um eben eine Koexistenz mit dem Wolf zu ermöglichen, ohne dass es zu viele Schäden gibt. Weil Schäden wird es immer geben, das kann man nie ganz aufhalten.
Andreas Hofbauer:
[8:24] Kaum aufzuhalten ist auch die langfristige Rückkehr des Wolfs nach Baden-Württemberg. Die Tötung des Hornes-Grindewolfs könnte jeden Moment verkündet werden. Von der Abschussgenehmigung einzelner Tiere bis hin zur Akzeptanz ganzer Wolfsrudel ist der Weg aber noch weit.